
In dem ruhigen, malerischen Vorort Willow Creek, wo die Rasenflächen akkurat gepflegt waren und der Klatsch so frisch wie der Morgentau, lebte eine Frau namens Cassandra. Cassandra war eine Frau von unbestreitbar starker Ausstrahlung – eine große, strahlende Blondine mit einer Vorliebe für Modekataloge und dem unerschütterlichen Glauben, dass die Geheimnisse ewiger Jugend in den uralten Ritualen der Geschichte verborgen lagen.
An einem schwülheißen Dienstagnachmittag blätterte Cassandra in ihrem sonnendurchfluteten Salon in einer alten Schönheitszeitschrift und stieß dabei auf eine Passage über die legendären Hautpflegerituale Kleopatras. Die Königin des Nils, so hieß es in dem Artikel, habe ihren samtweichen Teint und ihre strahlende Schönheit bewahrt, indem sie täglich in einer Wanne mit frischer Milch badete. Für Cassandra war das nicht nur eine historische Anekdote, sondern eine Offenbarung. Sie betrachtete ihr Spiegelbild im vergoldeten Flurspiegel, entdeckte eine winzige Linie neben ihrem linken Auge und beschloss, dass es Zeit für drastische, milchbasierte Maßnahmen war.
Am nächsten Morgen schrieb sie ihrem Milchmann Arthur, der seit dreißig Jahren Glasflaschen in die Nachbarschaft lieferte, eine kurze Nachricht. Sie schrieb sie auf duftendem Lavendelpapier und legte sie gut sichtbar in den leeren Milchkasten auf ihrer Veranda: „Lieber Arthur, bitte bring morgen früh 25 Gallonen Vollmilch. Keine Flaschen. Nur lose Milch. Ich habe ein Projekt.“
Als Arthur um 5:15 Uhr ankam, das leise Klappern seines Lieferwagens das einzige Geräusch in der Stille vor Tagesanbruch, hob er den Zettel auf und kniff die Augen zusammen. Er rückte seine Brille zurecht, überzeugt, dass der Morgennebel ihm einen Streich spielte. 25 Gallonen? In seinen dreißig Dienstjahren hatte er nie mehr als fünf Gallonen für ein Eiscremefest zum Unabhängigkeitstag an eine einzelne Adresse geliefert. Er starrte auf die „25“ und bemerkte das fehlende Komma. Sicherlich, so schloss er, meinte sie 2,5 Gallonen – genug für ein paar große Schüsseln Müsli und vielleicht eine besonders ambitionierte Joghurtportion.
Da Arthur ein integrer und hilfsbereiter Mann war, beschloss er, den kleinen Milchklecks nicht einfach wortlos auf der Veranda stehen zu lassen. Um 8:30 Uhr, nachdem er seine Tour beendet hatte, kehrte er zurück und klopfte dreimal kräftig an Cassandras schwere Messingtürklopfer.
Die Tür schwang auf, und Cassandra erschien, gehüllt in einen Seidenkimono, der wie eine Perle schimmerte. Sie betrachtete Arthur mit einer Mischung aus Neugier und Ungeduld.
„Guten Morgen, Arthur“, sagte sie mit melodischer Stimme. „Ich hoffe, Sie haben meine Bestellung erhalten?“
Arthur zog seinen Hut und wirkte etwas verlegen. „Guten Morgen, Miss Cassandra. Ich habe Ihre Nachricht erhalten. Ich wollte aber sichergehen. Hier steht, Sie benötigen 25 Gallonen. Ich dachte, Ihnen sei vielleicht ein Tippfehler unterlaufen und Sie meinten zweieinhalb? Das ist zwar immer noch eine beträchtliche Menge Milch, aber deutlich besser zu handhaben als 25.“
Cassandra schenkte ihm ein kleines, wissendes Lächeln – so ein Lächeln, wie man es einem Kind schenkt, das die Komplexität der Welt noch nicht ganz versteht. „Nein, Arthur. Ich habe es ganz bewusst so gemacht. 25 Gallonen sind genau die Menge, die ich brauche. Weißt du, ich habe beschlossen, in die Fußstapfen des Adels zu treten. Ich werde meine Badewanne mit Milch füllen und ein ausgiebiges Bad nehmen. Ich beabsichtige, danach so jung und schön auszusehen wie vor zehn Jahren. Es geht um biologische Konservierung.“
Arthur blinzelte. Er hatte im Laufe der Jahre schon vieles gehört – seltsame Diäten, ungewöhnliche Hobbys, Nachbarschaftsfehden –, aber ein komplettes Bad in Milchprodukten war ihm neu. Er überschlug im Kopf das Volumen einer handelsüblichen Badewanne im Vergleich zum Volumen eines menschlichen Körpers.
„Nun gut“, sagte Arthur und rieb sich den Nacken. „Wenn Sie darauf bestehen, kann ich wohl extra noch einmal zum Bahnhof fahren. Ich brauche ein paar Fahrten mit dem Handwagen, um alles hineinzubringen. Aber ich muss Sie der Rechnung wegen fragen: Soll es pasteurisiert sein?“
Cassandra hielt inne. Sie legte den Kopf schief, ihre blonden Locken glänzten im Morgenlicht, während sie über die Feinheit des Begriffs nachdachte. Sie hatte ihn schon in Wissenschaftsdokumentationen gehört, meist im Zusammenhang mit hohen Temperaturen und der Abtötung von Bakterien. Sie stellte sich eine Wanne mit dampfender, siedender Milch vor, und Entsetzen huschte über ihr Gesicht. Sie wollte nicht gekocht, sondern verjüngt werden.
„Pasteurisiert?“, fragte sie mit leicht beleidigter Stimme. „Um Gottes Willen, nein! Nur bis zu meinen Brüsten. Oben brauche ich noch etwas Platz, damit ich mir was in die Augen spritzen kann, ohne dass es überläuft.“
Die Stille, die folgte, war von Arthurs innerem Kampf um professionelle Fassung geprägt. Er sah Cassandra an, deren Gesichtsausdruck pure, ernsthafte Logik verriet. Sie scherzte nicht; sie bewegte sich einfach auf einer völlig anderen Ebene der Realität. Für sie war „pasteurisiert“ kein Verfahren zur Erhitzung von Flüssigkeiten, um Krankheitserreger abzutöten; es war ein Tiefenmaß – genauer gesagt, eine Höhe, die bis über ihr Kinn reichte.
„Ich verstehe“, brachte Arthur mit angestrengter Stimme hervor, während er ein Kichern unterdrückte. „Bis … ja. Nicht ‚hinter deine Augen‘. Jetzt verstehe ich vollkommen.“
„Das dachte ich mir“, sagte Cassandra zufrieden. „Ich möchte nicht meinen ganzen Kopf untertauchen, Arthur. Das wäre übertrieben. Ein angenehmes, wohltuendes Bad bis zu den Schultern, mit gerade genug Platz, um die Milch sanft auf meine Augenlider zu tupfen. Das ist das Geheimnis eines jugendlichen Blicks, sagt die Königin von Ägypten.“
Arthur holte tief Luft und nickte langsam, während er die Verandatreppe hinunterging. „Ich hole den Wagen, Miss Cassandra. Ich bringe Ihnen sofort die Rohmilch. Ich sorge dafür, dass er genau dort abgestellt wird, wo Sie ihn brauchen.“
„Danke, Arthur!“, rief sie, als sie die Tür schloss. „Effizienz ist heutzutage so eine seltene Eigenschaft!“
Arthur ging zurück zu seinem Milchwagen, dessen Motor gleichmäßig brummte. Er saß eine ganze Minute auf dem Fahrersitz und starrte auf das Lenkrad. Er dachte an die 25 Gallonen Milch, die sich gerade im Kühlraum des Depots befanden, und an das unerschütterliche Selbstvertrauen der Frau hinter der Tür. Ihm wurde klar, dass Schönheit zwar oberflächlich sein mochte, eine gewisse Logik aber tief im Inneren verwurzelt war.
Während er losfuhr, um den ungewöhnlichsten Auftrag seiner Karriere zu erfüllen, fragte er sich unwillkürlich, ob Kleopatra jemals einen so geduldigen Milchmann gehabt hatte wie ihn. Er nahm sich außerdem vor, in ein paar Tagen wieder vorbeizuschauen – nicht um zu sehen, ob sie jünger aussah, sondern um herauszufinden, wie man 25 Gallonen zimmerwarme Milch abpumpt, ohne eine geruchsintensive Katastrophe für die ganze Nachbarschaft auszulösen.
Bei Cassandra zu Hause sollte gerade das Wasser – oder besser gesagt, die Milch – geholt werden. Sie ging ins Badezimmer und summte eine Melodie aus alten Zeiten, überzeugt davon, dass sie mittags die strahlendste Frau in Willow Creek sein würde, ganz egal, ob die Milch bis in die Augen oder nur bis zur Taille reichte. Schließlich war im Streben nach Schönheit ein kleines Missverständnis der Fachbegriffe ein geringer Preis für das Versprechen eines makellosen Teints.




