Die BCG-Markierung: Wissenschaft und Stigma der weltweit häufigsten Narbe entschlüsselt.
Die kleine, runde Narbe, die man oft am Oberarm findet, wird häufig fälschlicherweise für eine Verletzung aus der Kindheit oder eine Hauterkrankung gehalten. Tatsächlich ist sie jedoch die Folge der Bacillus Calmette-Guérin (BCG)-Impfung, die zum Schutz vor Tuberkulose (TB) eingesetzt wird. Anders als bei modernen intradermalen Injektionen verwendet die BCG-Impfung einen abgeschwächten Stamm von Mycobacterium bovis, der eine gezielte, lokale Immunreaktion auslöst. Dabei bildet sich oft eine kleine Blase oder ein Geschwür an der Injektionsstelle, das zu einer dauerhaften, eingesunkenen Narbe abheilt. Diese Narbe ist ein biologischer Nachweis des natürlichen Abwehrmechanismus des Körpers und zeugt von einer erfolgreichen Interaktion zwischen Immunsystem und Impfstoff – und nicht von einem medizinischen Versagen oder einer unbehandelten Wunde.
Ein weit verbreiteter Irrglaube besagt, dass diese Narbe ein Zeichen von Armut oder mangelnder Gesundheitsversorgung sei. Tatsächlich ist sie jedoch in der globalen Gesundheitspolitik begründet. Im 20. und 21. Jahrhundert führten viele Länder mit hoher Tuberkulosebelastung – unabhängig von ihrem Wohlstand oder ihrer Industrialisierung – flächendeckende BCG-Impfprogramme zum Schutz von Säuglingen ein. Da Tuberkulose einst eine globale Bedrohung darstellte, tragen Millionen von Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten in Asien, Afrika und Teilen Europas dieses Merkmal. Es spiegelt geografische und historische Gesundheitsstrategien wider und ist kein Indikator für die Hygiene, Bildung oder den sozioökonomischen Hintergrund einer Person.
Es herrscht die weitverbreitete Annahme, dass das Fehlen einer Narbe auf eine fehlende Impfung oder eine unzureichende Immunantwort hindeutet. Die Hautphysiologie variiert jedoch stark von Mensch zu Mensch. Zwar ist die Narbenbildung eine häufige Folge, doch manche Menschen heilen trotz eines vollständig intakten Immunsystems mit minimalen oder gar keinen sichtbaren Spuren. Umgekehrt lässt die Größe oder Tiefe der Narbe keinen direkten Rückschluss auf die Stärke der Immunität gegen Tuberkulose zu. Diagnostische klinische Tests, wie der Tuberkulin-Hauttest (Mantoux-Test), sind weitaus genauere Indikatoren für den Schutz als das Vorhandensein einer Hautnarbe, die je nach individuellem Heilungsprozess oft verblasst oder sich gar nicht erst bildet.
Abschließend ist es wichtig zu verstehen, dass die BCG-Narbe völlig harmlos ist und weder die langfristige Gesundheit noch die Stabilität des Immunsystems gefährdet. Sie ist kein Zeichen eines geschwächten Immunsystems; vielmehr vermuten einige Forscher, dass die durch die BCG-Impfung erworbene „trainierte Immunität“ die Fähigkeit des Körpers, andere, nicht damit zusammenhängende Infektionen abzuwehren, sogar stärken kann. Die Narbe wächst und breitet sich nicht aus, und obwohl sie für manche ein kosmetisches Problem darstellen mag, bleibt sie ein Symbol für Prävention und den Schutz von Kindern im Vorschulalter. Das Verständnis ihrer Entstehung hilft, die unnötige Scham, die mit dieser Narbe verbunden ist, abzubauen und sie von einem rätselhaften Makel in ein stilles Zeugnis globaler Gesundheit und Widerstandsfähigkeit zu verwandeln.



